Vortrag zum Anlass des 20-jährigen Bestehens
13. Oktober 2019
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
zu meinem großen Bedauern ist es mir nicht möglich, an der heutigen Feier teilzunehmen. Gleichwohl möchte ich es nicht versäumen, in schriftlicher Form einen Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Hauses zurückzuwerfen. Mein besonderer Dank gilt dabei Theo Brammen, der sich bereit erklärt hat, meine nachfolgenden Aufzeichnungen vorzutragen. Er ist einer der wenigen Zeitzeugen, die die Gegebenheiten vor und nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Erinnerung haben:
Versetzen wir uns einmal zurück in die Zeit des 2. Weltkrieges bis 1945. Kirche, Rathaus und Marktplatz – damals noch unbefestigt – waren im heutigen Umfang vorhanden. Der Platz selbst war umsäumt von teilweise eingeschossiger Bebauung mit kleinen Geschäften des Einzelhandels und Gewerbebetrieben.
Herausragendes Bauwerk war damals das Haus, das sich später die Bezeichnung „Kleine Kneipe“ zulegte. Zur damaligen Zeit war es die Geschäftsstelle der Bezugs- und Absatzgenossenschaft sowie der Spar- und Darlehenskasse und das Wohnhaus der Familie Gerhard Klümpen. Die Wegführung war von der Hauptstraße um den Marktplatz herum in Richtung Wetten, also etwa wie heute. Allerdings: An das Haus Klümpen grenzte das Areal der Firma Holtmann, ein Bauernhof in einer außerordentlich niedrigen eingeschossigen Bauweise. Ich glaube, die Fenster der Wohnräume lägen heutzutage schon teilweise unterhalb des derzeitigen Flächenniveaus. Bedauerlicherweise sind Fotografien nicht vorhanden.
Anmerkung: In diesem Haus wurden Heinrich und Jakob Holtmann geboren. Heinrich Holtmann war ein Schüler des weithin bekannten Malers Stummel in Kevelaer. Er hat neben vielen anderen Werken den Kreuzweg in der Urbanus-Kirche gemalt sowie ein Bildnis, das die Familie Holtmann dem Förderverein St. Urbanus Winnekendonk geschenkt hat. Es kann in der Kapelle des Katharinen-Hauses betrachtet werden.
Nun, liebe Zuhörer,
das Hofgelände erstreckte sich damals bis zum Heiligenweg. Dort, wo heute die Marktstraße geradeaus zum Heiligenweg führt, stand also damals das Gehöft. Der Marktplatz selbst war vom Heiligenweg aus nur über die Wettener Straße zu erreichen.
Machen wir jetzt einen Zeitsprung über 1945 hinaus. Winnekendonk war in den letzten Monaten vor Kriegsende – das war am 08.05.1945 – zu 85 % zerstört. Stark in Mitleidenschaft gezogen war auch neben der Kirche das soeben beschriebene Umfeld des Marktplatzes.
Der schnell um sich greifende Wiederaufbau und die weitere Planung führten dazu, dass der Hof Holtmann völlig verschwand und die Marktstraße in der heutigen Form geradeaus zum Heiligenweg geführt wurde.
Unberührt blieb dabei das Areal der Familie Klümpen, deren Gebäude zwar beschädigt, aber bewohnbar geblieben war.
Schon bald konnten auch die angebauten Lagerstätten in Betrieb genommen werden. Lagermeister war übrigens der spätere Fahnenträger Konrad Mölders, der Vater von Klaus Mölders und Christel Hebben. Aber der Bestand der Waren- und Absatzgenossenschaft an diesem Standort ging wegen mangelnder Ausdehnungsmöglichkeiten ebenso zu Ende wie derjenige der Spar- und Darlehenskasse, die ein neues Gebäude an der Molkereistraße errichtete. Daran änderte nichts die Tatsache, dass in den 1950er-Jahren hier an dieser Stelle der Begegnungsstätte eine für damalige Verhältnisse große Lagerhalle errichtet worden war.
Nach dem Tod der Eheleute Gerhard Klümpen wurden Rechtsnachfolger deren beide Kinder, von denen ich Norbert Klümpen an seiner früheren Heimstätte herzlich begrüße. Norbert Klümpen ist und war seinem Heimatdorf Winnekendonk stets eng verbunden. Und diese Heimatverbundenheit zeigt sich in den Jahren um 1980 immer wieder in vielen Gesprächen und insbesondere dann, als er seine Absicht zeigte, das Anwesen am Alten Markt zu veräußern.
Wir haben seinerzeit verschiedene Gestaltungsmodelle erörtert, die alle darauf ausgerichtet waren, dem Heimatdorf zu nutzen. Schließlich wurde dabei auch der räumliche Notstand für Vereine und Dorfleben angesprochen, der durch den Verlust des Saales Rashid, vormals Jupp Janssen – den Tömper – eingetreten war.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wir alle müssen Norbert Klümpen auch heute noch dafür dankbar sein, dass er nach den grundlegenden Erörterungen dem Ortsvorsteher freie Hand ließ, am 18.03.1986 dem damaligen Stadtdirektor Paal vorzuschlagen, den Baukomplex Klümpen in die Überlegungen einzubeziehen, für Winnekendonk einen Gemeinschaftsraum zu schaffen.
Grundsätzlich war die Notwendigkeit hierfür sowohl bei der Verwaltung als auch bei Teilen des Rates anerkannt. In Erwägung gezogen war jedoch vorrangig, die Turnhalle umzubauen, wobei der Sportbetrieb erheblich eingeschränkt worden wäre.
In einigen Gesprächen mit dem damaligen Stadtdirektor Paal und dem Bürgermeister Dingermann konnte erreicht werden, dass meine Anregung im Schreiben vom 18.03.1986 der Bauverwaltung und dem Rat der Stadt Kevelaer zur weiteren Bearbeitung vorgelegt wurde.
Außerordentlich lange Verhandlungen schlossen sich an, da die Bauverwaltung einen Gesamtkostenrahmen für Grunderwerb, Erschließung und Baumaßnahmen von etwa 2,5–3 Mio. DM geschätzt hatte.
Diese Summe veranlasste einige der im Rat vertretenen Parteien zu einer ablehnenden Haltung. Die einen verneinten die Notwendigkeit der Maßnahme – nannten sie unverantwortlich –, andere scheuten die erheblichen Kosten, die auf die Stadt Kevelaer auch in Form von Folgekosten zukämen.
Verehrte Zuhörer,
es war also viel Überzeugungsarbeit notwendig. Diese wurde maßgeblich unterstützt von der Verwaltung unter der vorwiegenden Federführung des technischen Beigeordneten Hansheinrich Ahrend sowie des Bauamtsleiters Heiner Schraml. Ihnen und auch den übrigen Mitarbeitern gebührt unser aller Dank. Es hatte damals nämlich den Anschein, dass ihr Kampf um die notwendigen Zuschüsse des Landes erfolglos bleiben würde. Nicht nur der Rat der Stadt Kevelaer verlangte ein tragfähiges Baukonzept, auch die Landesregierung beanspruchte immer wieder neue Unterlagen, lehnte jedoch zunächst eine Bezuschussung ab. Mit großer Geduld, zahlreichen Kontaktgesprächen sowohl telefonisch als auch persönlich und regem Schriftwechsel sowie nach einigen Abänderungen des Baukonzeptes wurde dann schließlich doch eine Lösung gefunden.
Im Rahmen der damals geförderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen konnte schließlich die Firma Goris aus Kleve durch den Rat der Stadt Kevelaer mit der Durchführung der Baumaßnahme beauftragt werden. Ihr oblag es, einige arbeitslose Arbeitnehmer für das Bauvorhaben zu beschäftigen.
Somit fasste der Rat der Stadt Kevelaer am 04.11.1997 den einstimmigen Beschluss, die örtliche Begegnungsstätte an dieser Stelle zu errichten, zu Gesamtkosten von knapp 3 Mio. DM. Davon übernahm die Stadt Kevelaer ein Drittel.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
dabei dürfen nicht die anhaltenden Bemühungen unserer örtlichen Vereine und Gruppen unerwähnt bleiben. Im guten Einvernehmen mit der Stadtverwaltung musste neben dem Raumbedarf ein Nutzungskonzept erarbeitet werden. Dieses wiederum setzte voraus, dass auch manche Abstriche zu machen waren, um zu einer annehmbaren Kostenermittlung zu gelangen. Es muss erwähnt werden, dass dabei seinerzeit eine hervorragende Einmütigkeit schnell Ergebnisse erzielen ließ. Diese setzte sich fort, als es um die dringliche Frage der Folgekosten ging.
Mit verschiedenen Kommissionen haben wir seinerzeit viele Orte von Rindern und Rees bis nach Sevelen und Nieukerk aufgesucht, um dort die verschiedenen Möglichkeiten der Bewirtschaftung zu erkunden.
Während der damalige Stadtdirektor Paal den gastronomischen Bereich vom Hause Klümpen, in dem eine Gaststätte eingerichtet werden sollte, betreiben lassen wollte, war es unsere Überzeugung, die Begegnungsstätte unabhängig zu bewirtschaften, zumal bekannt wurde, dass der Bauunternehmer daran interessiert war, das Haus Klümpen käuflich zu erwerben. Die Begegnungsstätte wäre damit von dem jeweiligen Betreiber der Gaststätte abhängig gewesen. Das hatten wir in Winnekendonk gerade negativ erlebt.
Herr Paal konnte schließlich davon überzeugt werden, dass unser Vorschlag auf einem überaus starken Rückhalt innerhalb der Vereine und der Bürgerschaft basierte, sodass er „grünes Licht“ gab.
Damit war der Weg frei für die Gründung des Trägervereins für die öffentliche Begegnungsstätte Winnekendonk e. V., der künftig in Eigenregie das Haus der Begegnung für alle Vereine und Bürger führen sollte. Immerhin war das Haus in diesem Zeitpunkt nach dem Baubeginn am 01.12.1997 noch nicht fertiggestellt, sodass noch insbesondere hinsichtlich der Einrichtung eigene Überlegungen freier Raum gegeben war. Das untermauerte die Stadtverwaltung Kevelaer vertrauensvoll mit der Überlassung eines Geldbetrages von ca. 182.000 DM zu treuen Händen.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
der Gründungsvorstand setzte sich wie folgt zusammen:
Vorsitzender: Norbert Heistrüvers
Vorsitzende: Monika Wirtz
Kassenwart: Artur Elders-Boll
Schriftführer: Georg Werner
Beisitzer: Hermann Josef Essen
Beisitzer: Hans Gerd Ferrix
Beisitzer: Willi Verheyen
und der Ortsvorsteher.
Diesen Personen ist im Wesentlichen zu verdanken, dass die Begegnungsstätte nach mehr als 12 Jahren intensiven Ringens schließlich so eingerichtet und geführt wurde, wie es fortlaufend zugesichert war, nämlich mit großer Begeisterung und nachhaltiger Tatkraft. Daneben ist erwähnenswert die sachkundige und stets einsatzbereite Mitarbeit des Gründungs-Hausmeister-Ehepaares Aben. Die allseits wohlgelobten technischen Einrichtungen gehen auf viele Ideen des langjährigen 1. Vorsitzenden Norbert Heistrüvers zurück.
Wenn ich diesen Personen im Namen aller Winnekendonker Mitbürger und Mitbürgerinnen Dank sage, so möchte ich nicht die erfolgreichen Bemühungen des damaligen Kassierers Artur Elders-Boll unerwähnt lassen, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass die jährliche Rechnungslegung bei der Stadtverwaltung Kevelaer in geordnete Bahnen gelenkt wurde. Diese sind auch heute noch ungetrübt.
Letztlich gilt der Dank allen, die sich tatkräftig sowohl bei der Planung, der Errichtung und der Erhaltung der Begegnungsstätte eingebracht haben.
Ich hoffe, dass meine unter ziemlich schwierigen Bedingungen erstellten Ausführungen Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, nicht gelangweilt haben.
Zum Schluss möchte ich Ihnen noch den Inhalt eines Briefes vorlesen, den der damalige technische Beigeordnete der Stadt Kevelaer am 25.09.2019 auf die Einladung zum heutigen Tage an den Trägerverein gerichtet hat:
„Herzlichen Dank für die überraschende und freundliche Einladung zu Ihrer Geburtstagsfeier. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Leider kann ich wohl zum allerersten Mal eine Einladung aus Winnekendonk nicht annehmen. Nicht nur der weite Weg aus Berlin, auch eine Verpflichtung als Tischtennis-Schiedsrichter in der Damen-Bundesliga machen eine Teilnahme zum 20. Geburtstag der Begegnungsstätte Winnekendonk unmöglich.
Ich wünsche Ihnen, dass der gute Geist, der vor 20 Jahren sofort in die Begegnungsstätte eingezogen ist (ich bin Zeuge!), niemals ausziehen möge. Dann bin ich sicher, dass Winnekendonk die besondere Ortschaft im Stadtgebiet von Kevelaer bleibt.
Mit guten Wünschen für Sie und Ihre Familien, Ihre Ortschaft und nicht zuletzt für das Geburtstagskind,
Ihr
Hansheinrich Ahrend



